Meine Fehlgeburt

Es war Donnerstag. Ich lag auf diesem Stuhl, auf dem ich schon so oft lag. Hier war ich doch als ich mit meiner Tochter schwanger war, das war doch ein Erfolgsstuhl. Bitte, bitte, lass alles gut sein. Zwei Tage nachdem festgestellt wurde, dass ich ein Hämatom hatte, habe ich stärkere Blutungen bekommen. Es war eine hellrote, periodenstarke Blutung. Ich wusste, dass das nicht gut war. Und so lag ich da und starrte auf den Monitor. Es dauert nur ein paar Sekunden und ich habe selbst gesehen, dass da nichts mehr war, keine Fruchthöhle. Sie war weg. Gleichzeitig habe ich aus dem Blickwinkel gesehen, wie die Ärztin langsam den Kopf schüttelte und ich lag da auf diesem Stuhl und mir liefen die Tränen. Links und rechts liefen mir einfach die Tränen runterDas war doch eigentlich ein Erfolgsstuhl. Hier bin ich doch immer bei der Schwangerschaft mit meiner Tochter gelegen und jetzt ist es mein Schicksalsstuhl?Noch als ich da lag, hat die Ärztin angefangen, über Ausschabung zu sprechen. Ich soll noch heute ins Krankenhaus fahren, sie gibt mir eine Einweisung, ich bekomme eine Vollnarkose, danach gibt es keine Blutungen mehr usw. Ich hörte das alles, wie durch Watte. Es war jetzt ca. 12 Uhr, wie soll ich jetzt zur Ausschabung fahren, ich möchte das nicht, ich möchte nach Hause, einfach nach Hause.

Sie sagte, wenn ich nicht zur Ausschabung fahren möchte, ich bin nämlich in der 7. SSW ein Grenzfall, dann muss ich am Montag zur Kontrolle kommen. In diesem Fall darf ich allerdings die nächsten Tage nicht alleine bleiben, ich könnte schlimme Blutungen und Kreislaufprobleme bekommen und dann muss jemand bei mir sein.  Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Ich soll also am besten sofort ins Krankenhaus? Soll dort auf einem langen Flur warten, bis sich jemand um mich kümmert? Noch während ich auf dem Stuhl lag, war mir klar, dass ich nicht ins Krankenhaus wollte.  In wollte nach Hause, nach Hause zu meiner Tochter. Meine kleine Prinzessin in den Arm nehmen. In diesem Moment war mir klar, dass Sie mein größtes Geschenk ist, ich bin unendlich dankbar, dass ich sie habe.  Zur meiner Vorgeschichte muss man nämlich wissen, dass ich mit meiner Tochter nach dem 2. IVF-Versuch schwanger wurde, und jetzt bin ich völlig ungeplant einfach so schwanger geworden. 

Auf der Fahrt nach Hause dachte ich immerwieder darüber nach, ob ich nicht doch zur Ausschabung fahren sollte. Es kam mir aber so falsch war. Ich wollte das nicht, nicht heute.

Mir fiel ein, dass ichgehört oder gelesen habe, dass eine Frau auch bei einer Fehlgeburt Anspruch auf Hebammenbetreuung hat. 

Zu Hause angekommen, zog ich mich irgendwann ins Schlafzimmer zurück und rief die Hebamme an, bei der ich meinen Geburtsvorbereitungskurs gemacht habe. Sie war eine Hausgeburtshebamme und ein sehr offener, ehrlicher und warmherziger Mensch. Ich wollte ihren Rat. 

Und schon das Telefonat tat soooo gut. Sie beruhigte mich. Nachdem ich ihr erzählt habe was passiert ist und wie es mir ging, haben wir einen Termin für den nächsten Tag vereinbart. 

Abends als wir unsere Tochter badeten, spürte ich irgendwann, dass etwas aus mir „rausgeflutscht“ ist. Ich möchte das jetzt nicht näher beschreiben, es war jedenfalls nicht mein Kind. Trotzdem konnte ich es nicht einfach in den Müll werfen oder gar einfach das Klo runterspülen. So habe ich es unter unseren neuen Aprikosenbaum begraben und an einen Ast eine weiße Schleife umgebunden. Und auch das war im Nachhinein für meine Verarbeitung sehr wichtig. Es ist für mich wie ein kleines Grab. Ich kann hingehen, mich hinsetzen, die Schleife ansehen und trauern. 

Ich wollte einfach alles richtig machen, und ich spürte, dass ich auf einen guten Weg bin
Und ja, was soll ich sagen. Am nächsten Tag ging ich zum vereinbarten Termin in die Hebammenpraxis. Ich musste nicht wie bei einem Arztbesuch ersteinmal im Wartezimmer warten, warten und warten. Ganz im Gegenteil. Sie empfing mich mit den Worten „Lass dich erstmal drücken“.  

Der Termin dauerte über 1 Stunde. Ich habe ihr alles über meine erste und meine zweite Schwangerschaft erzählt.  Sie hat mir zugehört und war sehr verständnisvoll. Ich fühlte mich verstanden und geborgen. Sie hat mir alles erklärt, was eine Fehgeburt betrifft. Ich konnte Sie auch jederzeit anrufen.  Ich fühlte mich nach dem Termin gestärkt, denn ich wusste, dass Sie mich begleiten würdeWir haben vereinbart, dass wir am nächsten Tag wieder telefonieren. Ich musste jetzt nämlich einen bestimmten Tee trinken und ein Fußbad nehmen, dadurch würden die Blutungen stärker werdenUnd es kam alles genauso, die Blutungen wurden stärker, aber es war in Ordnung. 

Am kommenden Montag bin ich zur Kontrolluntersuchung zur meiner Frauenärztingegangen. Lt. Ultraschall war alles in Ordnung. Der HSG Wert lag 5 Tage nach meinem Abort bei 277. In dreieinhalb Wochen werde ich nochmals zur Blutabnahme gehen. Ich bin guter Dinge, ich fühle mich gut, habe keine Blutungen, keine Schmerzen.

Als ich an diesem besagten Wochenende zu Hause saß und meine Blutungen hatte. Hatte ich immerwieder das Gefühl, dass ich nicht nur körperlich blute sondern auch meine Seele blutet und das war gut so.  Das Bluten war für mich eine Form des Abschiedsnehmens und ich bin sehr froh darüber, dass ich mich bewusst entschieden habe diesen Weg zu gehen und nicht zur Ausschabung ins Krankenhaus gefahren bin. Im Moment vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, was passiert ist und ich denke das wird noch lange so sein. Ich bin auf andere Schwangere nicht neidisch, im Moment bin ich einfach nur dankbar, dass meine erste Schwangerschaft so gut verlaufen ist und ich eine wunderbare Tochter habe. Doch ich denke, vor allem um den errechneten Geburtstermin werde ich nochmals in eine Traurigkeit fallen und wenn ich dann hochschwangere Frauen sehe, werde ich sicherlich denken „so weit wärst du jetzt auch“.

An diesen warmen Tagen geht meine Tochter täglich zu den Himbeersträuchern und schaut nach, ob denn nun endlich neue rote Himbeeren da sind. Ich begleite Sie da hin. Die Himbeersträucher stehen direkt neben dem Aprikosenbaum. Und wenn ich so dasitze und zusehe, wie meine Tochter eine Himbeere nach der anderen vernascht, sehe ich zu der weißenSchleife rüber und bin glücklich und traurig zugleichEs tut gut dort hinzugehen, ich habe einen Ort zum Trauern.  

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das alles funktionieren sollte bei einer Ausschabung. Ich bin so froh und so dankbar, dass meine Hebamme diesen Weg mit mir gegangen ist und mich begleitet hat.Das ist auch der Grund für meinen Text. Ich schreibe diesen Text nicht in erster Linie um das Erlebte zu verarbeiten, nein, ich schreibe diesen Text, weil mir ziemlich schnell klar war, dass ich darauf aufmerksam machen möchte, dass uns Frauen neben der ärztlichen Betreuung auch eine Hebammenbetreuung zusteht. Und diese Betreuung tut verdammt gut. Ich weiß, dass sehr viele Menschen Blogs lesen und deshalb ist es mir sehr wichtig durch einen Gastbeitrag darauf aufmerksam zu machen. Ich bin nicht gegen Ärzte und bestimmt gibt es Fälle, wo eine Ausschabung gemacht werden muss, aber auch da sollte die Hebamme nicht vergessen werden. Wir brauchen die Hebammen!